Angststörung und Depression - erster Österreichischer Patientenbericht

22.04.2009 22:13 (zuletzt bearbeitet: 22.04.2009 22:15)
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Ev
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Angststörungen und Depression gehören zu den
häufigsten psychischen Erkrankungen.
Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt
sich die Depression zur "Krankheit des Jahrhunderts".



(24.04.2009, Rheuma-Selbst-Hilfe.at.com)


Dabei ist nicht nur eine genetische Prädisposition Ursache für das Leiden.
Stress, Druck sowie Probleme in Familie und Arbeit können zu extremen
Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens von Menschen führen.
Psychische Erkrankungen gehören mittlerweile zu den wichtigsten Ursachen
für Berufsunfähigkeit, Krankenstände und Frühpensionierungen.
Der Erste Österreichische Patientenbericht Angststörung und Depression
2009 hat die subjektiv empfundenen Wünsche und Bedürfnisse der Patienten
ermittelt und spiegelt ihre aktuelle Situation wider.

Angststörung und Depression sind Affekte, die das menschliche
Verhalten steuern. Meistens haben sie einen Sinn. Doch wenn sie sich
verselbstständigen und immer wiederkehren, wird das Leben der
Betroffenen zur Qual. Obwohl genetische Faktoren eine der
Entstehungsursachen für Depressionen sind, überfordern die
Belastungen der modernen Welt die Psyche Vieler. Zumindest jeder 10.
Patient, der einen Hausarzt aufsucht, leidet unter einer
behandlungsbedürftigen Depression, manche Schätzungen sprechen sogar
von jedem 4. Patienten. Laut WHO werden Depressionen bis zum Jahr
2015 nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits die zweite Stelle der
Volkskrankheiten einnehmen. Dennoch haben psychische Beschwerden in
der Öffentlichkeit noch immer nicht den Stellenwert, der ihnen
angesichts ihrer Häufigkeit zukommen sollte. Die Diagnose ist oft
schwierig, denn die Betroffenen gehen zunächst nicht zum Arzt, sind
antriebslos und verschließen sich vor der Außenwelt. Der Erste
Österreichische Patientenbericht Angststörung und Depression 2009 hat
in einer landesweiten Umfrage die subjektiven Empfindungen und
Bedürfnisse von Betroffenen ermittelt. Ziel ist es, den Anliegen der
Patienten Gehör zu verschaffen, Entwicklungen zu beobachten und in
Kooperation mit den wesentlichen Akteuren des österreichischen
Gesundheitswesens Verbesserungen zum Wohlbefinden der Betroffenen zu
erreichen.

Die Initiative Österreichischer Patientenbericht

Die Patientenumfrage zu Angststörungen und Depression wurde im
Zeitraum zwischen Jänner 2008 und Februar 2009 durchgeführt. PERI
Consulting initiierte das innovative Projekt "Österreichischer
Patientenbericht" erstmals im Jahr 2005. Ziel ist es, den
österreichischen Patienten eine Stimme zu geben, mit der sie ihre
subjektiv erlebten Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf ihr Leiden
artikulieren können. Durch anonymisierte Patientenumfragen zu
verschiedenen chronischen Erkrankungen, die bundesweit durchgeführt
werden, sollen die Anliegen von Patienten eruiert,
Optimierungspotenziale im österreichischen Gesundheitssystem erhoben
und die Ergebnisse den zentralen Akteuren und Entscheidungsträgern
des Gesundheitswesens übermittelt werden. Denn speziell chronisch
kranke Patienten haben ein genaues Bild davon, wie sie mit ihrer
Krankheit leben und umgehen wollen und was sie sich von einem
solidarischen Gesundheitssystem wünschen.

Der Patientenbericht resultiert aus einem qualitätsgesicherten
Prozess und arbeitet mit Umfragen bei Betroffenen und deren Angehörigen.
Der dazu benötigte Fragebogen wird von einer Patienten-Arbeitsgruppe in
Workshops unter der Leitung eines Mediators erstellt. Die Kooperationspartner
haben die Möglichkeit, spezifische Fragen zu formulieren und in die Umfrage
einzubringen. Nach der finalen Prüfung durch die Abteilung Public
Health an der Medizinischen Universität Wien werden diese Fragebögen
österreichweit verteilt und schließlich von renommierten
Marktforschungsinstituten ausgewertet. Die Stimme des Patienten kann
durch den Österreichischen Patientenbericht transparent artikuliert
und so in relevanten gesundheitspolitischen Entscheidungen
mitberücksichtigt werden.

"Das ist vor allem im Bereich der psychischen Erkrankungen, die sich oft
fernab von gesellschaftlicher Beachtung und Akzeptanz entwickeln,
besonders relevant. Uns von PERI Consulting ist es wichtig, den Patienten
die Möglichkeit zu geben, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Anliegen
auszudrücken und sie als Grundlage dafür zu nehmen, Impulse zur
Verbesserung des österreichischen Gesundheitssystems zu setzen",
so Mag. Hanns Kratzer, Geschäftsführer von PERI Consulting über das
einzigartige Projekt. Auch für das Bundesministerium für Gesundheit als
Kooperationspartner ist die Patientenumfrage sehr wertvoll. "Es ist
wichtig, dass Patientenanliegen in geplante Maßnahmen und Projekte
des Bundesministeriums einfließen. Voraussetzung dafür ist jedoch,
dass wir wissen, was der Betroffene in seiner Situation braucht. Das
Instrument des Österreichischen Patientenberichtes liefert
Erkenntnisse, die uns helfen, Konzepte und Lösungen zu entwickeln,
die auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen", so Hon. Prof. Dr.
Robert Schlögel, Sektionschef im Bundesministerium für Gesundheit.

Weitere Informationen zu den Zielen und Ergebnissen des
Patientenprojekts finden sich auf der Homepage
http://www.patientenbericht.at.

Das Leben mit Angststörungen und Depression: Diagnose und Therapie

Psychische Störungen sind eine starke Belastung für die
Betroffenen. Ihre Lebensqualität ist äußerst beeinträchtigt, sozialer
Rückzug oft die Folge. Angststörungen und Depression werden vor allem
dann zur Qual, wenn sie einander begleiten. "Rund 88 Prozent der
befragten Angststörungspatienten geben Depression als
Begleiterscheinung an, während 69 Prozent der Betroffenen, die eine
Depression haben, auch unter Angstzuständen leiden", erklärt Prim.
Univ. Prof. Dr. Michael Musalek, Präsident der Österreichischen
Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Die psychischen
Erkrankungen belasten das Leben stark. Rund die Hälfte der im Rahmen
des Ersten Österreichischen Patientenberichtes Angststörung und
Depression befragten Patienten führen an, dass sie nur sehr schlecht
mit der Erkrankung und ihren Auswirkungen auf den Alltag leben
können.

Ein großes Problem besteht darin, dass sich viele Menschen
bei psychischen Problemen davor scheuen, ärztliche Hilfe in Anspruch
zu nehmen. Gesellschaftliche Stigmatisierung und Intoleranz begleiten
die Krankheitsbilder. So vergehen laut Umfrage des Ersten
Österreichischen Patientenberichtes durchschnittlich rund 2,5 Jahre
von den ersten Symptomen bis zur Therapie. Die Dunkelziffer jener,
die nicht behandelt werden, ist hoch. "Es vergeht viel zu viel Zeit,
bis man den Menschen, die sich in einer psychischen Ausnahmesituation
befinden, entsprechende Hilfe zukommen lässt. Es geht darum,
persönliche Qualen für Betroffene zu vermeiden, aber auch den
volkswirtschaftlichen Schaden, der durch längere Krankheitsdauer und
Arbeitsausfall verursacht wird, zu begrenzen", erklärt MR Dr. Walter
Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Erfolgreiche
Therapie wird nur dann möglich, wenn man sich der Angststörung und
Depression stellt.

Dabei sind die Therapieoptionen sehr vielfältig.
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass der Großteil der Patienten
zusätzlich zur Behandlung mit Antidepressiva auch Psycho- sowie
Sport- und Bewegungstherapie in Anspruch nimmt. Die erfolgreichste
und wichtigste Therapie ist jedoch die medikamentöse. Ihr Ziel ist
es, Remission zu erreichen. "So zeigen die Ergebnisse, dass 85
Prozent der Angststörungs- und Depressionspatienten regelmäßig die
von Ihrem Arzt verordneten Medikamente einnehmen. Weiters ist es für
rund 78 Prozent der Patienten äußerst wichtig, dass ihr Medikament
bei guter Wirkung und Verträglichkeit nicht gewechselt wird", erklärt
Prim. Univ. Prof. Dr. Musalek.

Der Arzt als wichtigster Ansprechpartner

Der Allgemeinmediziner nimmt in der Diagnose und Behandlung der
Angststörung und Depression eine wichtige Rolle ein. Für viele
Betroffene ist er die erste Ansprechperson, der man sich anvertraut
und die in Folge Informationen zur Erkrankung und deren Auswirkungen
auf das Leben der Betroffenen vermittelt. Ihm fällt die wichtige
Aufgabe zu, die Depression zu erkennen und zu diagnostizieren
"Allgemeinmedizinische Betreuung ist ganzheitlich, kennt die
familiären und sozialen Lebensbedingungen der Patienten. Es muss für
den Patienten aufgrund des Vertrauensverhältnisses möglich sein, über
depressive Symptome zu sprechen", betont Dr. Barbara Degn,
Präsidentin der Wiener Gesellschaft für Allgemein- und
Familienmedizin. Leichte und mittelschwere Depressionen werden im
Allgemeinen vom Hausarzt behandelt, bei einer schweren Depression
werden Fachärzte für Psychiatrie herangezogen. Die Patientenumfrage
hat ergeben, dass der Arzt die wichtigste Informationsquelle für die
Betroffenen ist. Dabei ist es rund 78 Prozent der befragten Patienten
sehr wichtig, dass der Hausarzt gut informiert ist und eng mit
Fachärzten kooperiert, um eine optimale Therapie zu gewährleisten.
Die gute Zusammenarbeit zwischen Facharzt und Allgemeinmediziner ist
im Sinne des Patienten unerlässlich. "Als Gesundheitsmanager der
Patienten agiert der Hausarzt in Kooperation mit den entsprechenden
Vertretern im Gesundheitssystem. Das Nahtstellenmanagement ist eine
zentrale Aufgabe der Allgemeinmedizin geworden", so Dr. Degn.

Die soziale Belastung Angststörung und Depression

Angststörung und Depression treten mit starken körperlichen
Begleiterscheinungen auf. Schweißausbrüche, Herzrasen, chronische
Müdigkeitszustände, Schlaflosigkeit, Magenbeschwerden. Es besteht
eine enge und wechselseitige Beziehung zwischen körperlichen und
psychischen Beschwerden: Sie können sich gegenseitig verstärken.
Vermehrte und lang andauernde Krankenstände sind die Folge. Die
Kernsymptome wie etwa gedrückte Stimmung, Interessens- und
Freudlosigkeit als auch eine stark ausgeprägte Antriebslosigkeit
erschweren den Betroffenen die Berufsausübung. Doch es sind nicht nur
die Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit, die das Leben der
von Angststörung und Depression betroffenen Patienten zur Qual
machen. Die sozialen Belastungen, die mit Berufsunfähigkeit und
häufig auch Frühpension einhergehen sind stark. Das große Problem
besteht darin, dass viele junge Menschen von Angststörungen und
Depression heimgesucht werden. Sie trifft es besonders hart,
frühzeitig aus dem Berufsleben auszuscheiden. Laut den Ergebnissen
des Ersten Österreichischen Patientenberichtes sind rund 56 Prozent
der befragten Patienten aufgrund von Angststörungen und Depression
von Berufsunfähigkeit betroffen. Rund 23 Prozent der Befragten sind
aufgrund ihrer Erkrankung in Frühpension. Die volkswirtschaftlichen
Kosten, die dadurch entstehen, sind enorm. "Laut einer Wifo-Studie
aus dem Jahr 2006 beträgt die Krankenstandsdauer bei psychiatrischen
Erkrankungen durchschnittlich 31,4 Tage. Die jährlichen Kosten von
psychischen Erkrankungen in Österreich betragen rund 7,16 Milliarden
Euro. Umgerechnet ergibt das etwa drei Prozent des österreichischen
Bruttoinlandsproduktes", erläutert Prof. Dr. Rudolf Müller, Chefarzt
der Pensionsversicherungsanstalt.

Durch Öffentlichkeitsarbeit zu mehr sozialer Akzeptanz

Obwohl Angststörungen und Depression zu den häufigsten psychischen
Leiden zählen und aufgrund von Belastungen und Herausforderungen des
modernen Lebens stark im Steigen sind, findet immer noch viel zu
wenig Öffentlichkeitsarbeit zu den Erkrankungen und ihren
Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen statt. Das empfinden rund
56 Prozent der befragten Patienten. "Angststörungs- und
Depressionspatienten leiden mehr unter dem Zustand, dass sie eine
psychische Erkrankung haben als unter den Symptomen. Die
gesellschaftliche Stigmatisierung ist immer noch groß, die Akzeptanz
in der Bevölkerung sehr gering", weiß Prim. Univ. Prof. Dr. Musalek.
So wünschen sich laut den Ergebnissen des Ersten Österreichischen
Patientenberichtes rund 82 Prozent der befragten Patienten mehr
Verständnis, Respekt und Akzeptanz für ihre Erkrankung. "Patienten
mit psychischen Erkrankungen haben leider immer noch mit starker
gesellschaftlicher Stigmatisierung zu kämpfen, obwohl Angststörungen
und Depression zu weit verbreiteten Krankheiten gehören. Durch mehr
Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung und Information soll erreicht
werden, dass psychische Probleme wie organische Beschwerden
betrachtet werden und nicht zur Ausgrenzung von Betroffenen führen",
betont Hon. Prof. Dr. Schlögel. In diesem Sinne dient der Erste
Österreichische Patientenbericht Angststörung und Depression auch als
wichtige Informationsquelle für alle Kooperationspartner und ihrem
Bestreben optimale Ergebnisse in Behandlung und Therapie für die
Patienten zu erzielen. "Für uns sind die Betroffenen die wichtigsten
Partner. Wir messen ihnen in jeder Hinsicht große Bedeutung zu. Denn
nur kreative, und patientenorientierte Forschung führt zu
zukunftsweisenden Produkten für die Behandlung psychischer oder
neurologischer Erkrankungen", befürwortet Mag. Alexander
Müller-Vonderlind von Lundbeck Österreich die Patientenumfrage.

Anlässlich der 9. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft
für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), die vom 22. - 25. April in
Gmunden stattfindet, gibt es zahlreiche Vorträge und Symposien die
zur Verbreitung von wertvollen Informationen über psychische Leiden
und ihre Auswirkung auf das Leben von Betroffenen beitragen können.


Quelle:
OTS0196 2009-04-20/14:00

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